Junge Geflüchtete brauchen mehr Zeit für die Integration

Man muss jungen Geflüchteten mehr Zeit für die Integration in Deutschland geben. Zu diesem Schluss kommen Albert Scherr und Helen Breit im Rahmen eines sozialwissenschaftlichen Forschungsprojekts an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Sie haben dafür junge männliche Geflüchtete und Fachkräfte der Flüchtlingsarbeit in Baden-Württemberg interviewt.

Momentan werde erwartet, dass diese jungen Männer binnen kurzer Zeit bestimmte „Integrationsleistungen“ erbringen: Deutsch lernen sowie schulische und berufliche Qualifizierungen erreichen. „Für einen Teil der jungen Geflüchteten ist es jedoch undenkbar, etwa bis zum 21. Lebensjahr diese Leistungen zu erbringen – meist werden sie danach aber nicht vom Jugendamt unterstützt. Doch eigentlich brauchen sie die Betreuung, etwa um sich auf Stellen zu bewerben und sich im Bürokratie-Dschungel zurecht zu finden,“ so Scherr und Breit. Beide fordern daher die Betreuungsmöglichkeiten durch die Jugendhilfe um einige Jahre zu verlängern. Besonders auch junge Geduldete stünden unter besonderem Druck: Ab dem Alter von 21 könnten sie keine Aufenthaltserlaubnis „aufgrund gelungener Integration“ mehr beantragen. Deshalb sollte diese Möglichkeit mindestens bis zum 26. Lebensjahr eröffnet werden.

„Bei der Ankunft in Deutschland sind junge Geflüchtete überwiegend sehr motiviert, die Sprache zu lernen, eine Arbeit zu finden und ihren Aufenthaltsstatus zu sichern.“ Als besondere Hürden für einen Erfolg auf diesem Weg nennen die Freiburger WissenschaftlerInnen die Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften ohne Rückzugsmöglichkeiten sowie Überforderung und Diskriminierungserfahrungen.

Besonders schwierig sei die Situation von jungen Menschen, die nur eine Duldung haben. Da sie nicht wissen, ob sie in wenigen Monaten noch in Deutschland sein werden, verlören manche die Motivation, die Sprache zu lernen, die Schule zu besuchen oder einer Arbeit nachzugehen. „Wenn sie keine Perspektive sehen, ihre Lebenssituation zu verbessern, kann etwa der Alkohol- und Drogenkonsum sowie die Tendenz zur Kleinkriminalität zunehmen“, zeigen die Ergebnisse der Studie. Das wiederum präge die medialen und politischen Debatten, in denen gerade geflüchtete männliche Heranwachsende oftmals pauschal als Problemgruppe dargestellt werden.

Albert Scherr und Helen Breit berichten ausführlich über ihre Studie im „Mediendienst Integration“, dort gibt es auch den Download der Studie: “Junge Geflüchtete brauchen mehr Zeit” | Artikel | MEDIENDIENST INTEGRATION (mediendienst-integration.de)

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Im Ortsteil Derendingen in Tübingen, Baden-Württemberg, gibt es eine Erstunterkunft für geflüchtete Menschen. Foto: tünews INTERNATIONAL / Mostafa Elyasian.

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