Moria und die Erinnerungen daran

Mohammad Nazir Momand (Recherche) und Wolfgang Sannwald (Text)

Viele Menschen, die aus Afghanistan in den Landkreis Tübingen gekommen sind, verfolgen die Ereignisse um das griechische Flüchtlingslager Moria aufmerksam. Das Lager brannte in der Nacht vom 9. auf den 10. September fast vollständig ab, nach Brandstiftung. Mohammad Nazir Momand aus der Redaktion von tünews INTERNATIONAL ist 2015 selbst über dieses Lager auf der Insel Lesbos aufs europäische Festland gelangt. Er hat ein Netzwerk mit mehr als 3000 Kontakten und ist dadurch mit anderen aus Afghanistan Zugereisten intensiv verbunden.

Fast alle von diesen seien ebenfalls über Moria auf Lesbos nach Europa gekommen und sie alle würden Lesbos und Moria mit eigenen emotionalen und oft lebensbedrohlichen Erlebnissen verbinden. Die Gummiboote der Schleuser legten meist am Strand von Ayvacik in der Provinz Canakkale ab. Dort ist das westlichste Ende Asiens, Lesbos liegt in Sichtweite. Trotzdem habe die Überfahrt eineinhalb Stunden gedauert, erinnert sich Mohammad. Und es wäre lebensgefährlich gewesen.

Von fünf Booten, die am türkischen Strand aufbrachen, erreichten nur zwei die Insel: „Dort fahren viele große Schiffe, die hohe Wellen machten. Die bringen die Schlauboote, in denen sich 45 Menschen drängen, zum kentern.“ Das Redaktionsmitglied von tünews INTERNATIONAL hat mit einem Freund telefoniert, der zurzeit auf Lesbos lebt. Dort sei es heute viel schlimmer als 2015.

Im Lager, das für 3000 Menschen gebaut wurde, seien in den Jahren 2018 bis 2020 zeitweise 22.000, derzeit noch etwa 15.000 Menschen zusammengepfercht gewesen. Und die kämen nicht weiter, sie wollten „nicht essen, kein Geld, sondern Freiheit.“ Dabei ist ein Grund, warum viele dort feststecken, ihr Mangel an Geld. Es sei nach wie vor so, dass man bei Schleppern die Weiterreise kaufen könne. Das sei aber heute etwa dreimal so teuer wie bei ihm. Er habe damals 4500 Doller bezahlt, mit einer garantierten Schleusung bis nach Europa. Heute seien die Grenzen viel dichter, Mohammad sagt: „Das Geld macht etwas.“

Sein Weg hatte mit dem offiziellen Personenschiff nach Athen weitergeführt. Dort stellte er sich auf dem Viktoriaplatz ein, der landläufig mittlerweile „Afghanenpark“ heiße. Das sei die Zentrale für die Weiterschleusung. Weil er dafür bezahlte, kam er ohne Erfassung durch die Balkanstaaten und Ungarn und musste erst in Passau seine Fingerabdrücke abgeben.

Solche und ähnliche Erinnerungen an Flucht, Lebensgefahr und kriminelle Schleusermethoden ruft der Begriff Moria bei vielen hervor. Mohammad berichtet von einer großen Bereitschaft unter seinen Landsleuten, den Gestrandeten zu helfen. Über eine Hilfsorganisation haben sie etwa 1000 Masken nach Griechenland geschickt, denn im überfüllten Lager seien jüngst mehr als 130 Corona-Infizierte festgestellt worden. Dabei müsse viel mehr getan werden.

Sein Freund berichtet aus Moria, dass man die Geflüchteten in ein neues Zeltlager verlege. Dort sei es aber viel schlechter, weil es nicht wie im alten Bäume gebe, das Gelände sei kahl. Am Schlimmsten ergehe es aber einem anderen Freund zufolge den etwa 100 bis 150 Menschen, die jeden Tag wieder in die Türkei abgeschoben würden. Der Freund berichtete ihm davon, wie er selbst heftig geschlagen wurde. Und die Polizei habe ihm und den anderen Geldbeutel, Handy, Uhren „und alles“ abgenommen: Sie sollten nichts mehr haben, womit sie sich eine neue Überfahrt erkaufen könnten.

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Foto: Ahmad Sear Ahmadi

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