Aus der Vergangenheit gelernt: Corona in Nigeria

von Ademola Adetunji

Die Welt scheint überrascht zu sein, dass Covid 19 in manchen afrikanischen Ländern eingedämmt sein soll. Im Vergleich zu westlichen und manchen asiatischen Ländern ist das Gesundheitssystem in vielen afrikanischen Ländern viel schlechter ausgestattet. Viele Hypothesen und Vorhersagen sind im Umlauf, dass der arme afrikanische Kontinent am Rande des Zusammenbruchs steht. Doch er war besser auf den Ausbruch vorbereitet als einige entwickelte Kontinente wie Europa, Asien und die Vereinigten Staaten. Afrika scheint aus den Erfahrungen der Vergangenheit gelernt zu haben.

Nigeria ist ein souveräner Staat in Westafrika, der an Niger, den Tschad und Kamerun angrenzt und eine Bevölkerung von etwa 200 Millionen Einwohnern hat. Nigeria gilt als „Afrikas Riese“, weil es das bevölkerungsreichste Land des Kontinents ist. Sein Reichtum und seine Ressourcen sind größer als in den meisten afrikanischen Ländern. Nigeria ist nach wie vor Afrikas größter Ölproduzent und auch reich an anderen natürlichen Ressourcen wie Erdgas, Zinn, Eisenerz, Kohle, Kalkstein, Niob, Blei, Zink sowie Ackerland. Der Öl- und Gassektor erwirtschaftet etwa zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts und die Einnahmen aus dem Erdölexport machen etwa 86 Prozent der gesamten Exporteinnahmen aus.

In Nigeria leben etwa 3,1 Prozent ältere Menschen. Wenn man von dieser Hochrisikogruppe für Covid 19-Erkrankungen absieht, gibt es in Nigeria etwa 6,4 Millionen Menschen im Alter von mehr als 65 Jahren, die einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt sind, sowie Menschen mit bereits bestehenden gesundheitlichen Grunderkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck, anderen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs.

Wie wurde die tödliche Krankheit in in Nigeria eingedämmt? Eine wichtige Basis legte der Kampf gegen die Ebola-Infektion, die 2014 in Nigeria ausbrach. Weiter entwickelte und wohlhabendere Länder können aus den damaligen Erfahrungen lernen. Das Corona-Virus hat eine niedrigere Sterblichkeitsrate als Ebola, es gilt auch als weniger ansteckend. Nigeria hatte aber sein Gesundheitsmanagement auf dessen Bekämpfung ausgerichtet. Die staatliche Gesundheitsbehörde NCDC reagierte hochsensibel auf die Epidemie und hatte die Instrumente dafür. Staatliche Anstrengungen und der gesamte öffentliche Sektor waren durch den Kampf gegen Ebola darauf trainiert, infizierte Menschen aufzuspüren, sie zu testen, zu isolieren und zu behandeln. Das NCDC war in der Lage, die 36 Bundesstaaten und das FCT (Federal Capital Territory) auf allen Ebenen wirksam zu koordinieren.

Auch ist das nigerianische Gesundheitssystem im Großen und Ganzen angemessen finanziert, obwohl die höchsten Regierungsbeamten das begrenzte Geld schlecht verwalten. Auch die schlechte öffentliche Wasserversorgung und Abwasserentsorgung hätten ein Problem dargestellt, wenn nicht einzelne Persönlichkeiten, Wirtschaftsorganisationen und Prominente Lebensmittel und Hygieneartikel gespendet und zur Bewusstseinsbildung in ihren Gemeinden beigetragen hätten. Die nigerianischen Bundesländer richteten zudem viele Isolationszentren ein. Die rasche Reaktion der nigerianischen Bundesregierung trug ein Übriges zur Eindämmung des Virus bei.

Nigerias erster Index-Fall war ein italienischer Staatsbürger, der in Nigeria arbeitet und am 25. Februar 2020 von Mailand aus in die Handelsstadt Lagos eingereist war. Die Regierung verhängte in einigen Bundesstaaten Ausgangssperren, was die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Virus verringerte. Beispielsweise ordnete Präsident Muhammadu Buhari eine 14-tägige Abriegelung des nigerianischen Handelszentrums Lagos, des benachbarten Bundesstaates Ogun und der Hauptstadt Abuja an. Nach Entdeckung des Virus hatten fast 30 Millionen Einwohner nur 24 Stunden Zeit, sich auf diesen Lockdown vorzubereiten, sie mussten dann zu Hause zu bleiben.

Diese weitreichende Entscheidung wurde für den Bundesstaat Lagos getroffen. In Afrikas größtem Geschäftszentrum leben über 20 Millionen Menschen. Viele Nigerianer reagierten mit einer gewissen Schadenfreude darauf, dass sich Covid-19 hauptsächlich gegen den Bundesstaat richtete, in dem auch die Elite des Landes lebt. Zu den Opfern des Virus zählten beispielsweise der Stabschef von Präsident Buhari, Politiker, Leiter von Regierungsbehörden, der ehemalige Gouverneur des Bundesstaates, ehemalige Botschafter und deren Helfer oder Verwandte.

Seit dem Index-Fall vom Februar ist die Zahl der Corona-Fälle täglich gestiegen. Am 21. Juli betrug sie nach Angaben des Nigeria Centre for Disease Control (NCDC) 37.787 Fälle. 15.333 Menschen gelten wieder als genesen, man beklagte 813 Tote. Für Ghana sind 29.193 Fälle bestätigt, hier waren 158 Todesfälle zu beklagen.

Ende Juli gibt es nach Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und lokaler Behörden in Afrika mehr als 750 000 an Covid-19 Erkrankte. Experten sprechen von einer hohen Dunkelziffer, weil die meisten Ländern wenig testen. Die Gefahr wachse, dass die Krankheit „die schwachen Gesundheitssysteme auf dem Kontinent überwältigt“, sagte Matshidiso Moeti, WHO-Chefin für Afrika. Die Folgen von Corona sind vor allem für die Ärmsten verheerend. Wegen der Ausgangsbeschränkungen können sie nicht arbeiten. Es gibt keine soziale Absicherung.

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Impressionen zum Leben in Zeiten der Corona-Pandemie: Foto: tünews INTERNATIONAL; Mostafa Elyasian, 25.06.2020

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