Zwei Länder, zwei Reaktionen

Will Thomas war von Mai 2019 bis April 2020 als Gaststudent in der Bundesrepublik und ist seit Oktober 2019 für tünews INTERNATIONAL tätig. In seinem Artikel vergleicht er die staatlichen Maßnahmen Deutschlands und der USA aus seiner Perspektive und schildert seine persönliche Wahrnehmung der Corona-Krise.

 

von Will Thomas

Wie reagiert ein Land auf eine Krise? Ich habe es hautnah erlebt: Die Antwort hängt vom Land ab. Bis Ende März absolvierte ich ein Austauschjahr in Tübingen, ein Jahr, in dem ich ein Semester an der Uni verbrachte und ein Praktikum machte. Dieses Jahr wurde aufgrund der Coronavirus-Krise abgebrochen. Seit April bin ich nun zurück in den USA in meiner Heimatstadt, Atlanta, Georgia.

Ich befinde mich in einer einzigartigen Situation. In Deutschland habe ich mich mit dem Coronavirus infiziert und mich davon erholt. Ich habe Deutschlands Reaktion erfahren und erfahre jetzt die drastisch andere Reaktion der Vereinigten Staaten. Ich kann also vergleichen.

Deutschland hat schneller reagiert. Wegen der Nähe Deutschlands zu Italien und Österreich kam das Virus schnell in Deutschland an. Ich war schockiert, die erste Prognose des Robert-Koch-Instituts zu hören. Tübingen war auch relativ früh betroffen, aber schnell gab es eine zentrale Reaktion, um die Verbreitung des Virus einzudämmen. Bundeskanzlerin Angela Merkel reagierte beruhigend: Natürlich mussten wir das Virus ernst nehmen und als ein Land reagieren. Auch die Bundesländer übernahmen eine große Verantwortung.

Nachdem ein Bekannter von mir positiv getestet worden war, war es für mich einfach, getestet zu werden. Ich war zu Fuß in der Drive-In-Teststation auf dem Festplatz in Tübingen. Ich musste länger als erwartet auf das Ergebnis warten, aber schließlich kam es. Kurz nach meinem positiven Ergebnis meldete sich bei mir ein Kontakt-Tracer vom Gesundheitsamt. Das sind Leute, die herausfinden sollen, mit welchen Personen der Infizierte engen Kontakt hatte. Zu keinem Zeitpunkt hatte ich Symptome. Zwei Wochen nach meiner Quarantäne flog ich zurück in die USA.

Die USA lag, in Bezug auf die Infektionsrate, vielleicht ein oder zwei Wochen hinter Deutschland, aber der Umgang mit dem Virus war komplett anders. In den USA ist es immer noch schwer, getestet zu werden. Es gibt einfach nicht genügend Tests. Es ist wahrscheinlich, dass ich hier nicht hätte getestet werden können. Auch ist die Reaktion auf Bundesebene komplett anders. Präsident Trump bestritt zunächst die Gefahr: Alles sei „unter Kontrolle“. Nach einem Reiseverbot erklärte er, dass das Virus besiegt und die Krise vorbei sei. So war es aber nicht. Das Virus war bereits weit in den USA verbreitet. Auch gab es keine klaren Richtlinien für die Bundestaaten und einen Mangel an zentraler Führung – also genau das, was in einer Krise gebraucht wird.

US-Amerikaner und Deutsche sind verschieden. Unsere amerikanische Kultur ist individualistischer. Es dauerte eine Weile, bis wir eine Ausgangssperre hatten, und immer noch gibt es keine Pflicht, nur eine Empfehlung. Einige Leute in den USA protestieren gegen die Ausgangsperre und wollen alle Geschäfte wieder öffnen. Trump hat mehrere Verschwörungstheorien verbreitet. Menschen sind wegen einiger der von ihm vorgeschlagenen „Heilmittel“ gestorben.

Es gibt keine gesetzliche Krankenversicherung in den USA und kein soziales Netz wie in Deutschland. Viele Leute sind durch ihren Arbeitgeber krankenversichert. Viele Beschäftigte haben schon ihre Arbeitsstelle verloren. Wenn sie arbeitslos sind, haben sie keine Krankenversicherung mehr.

In meinem Bundestaat, Georgia, hat der Gouverneur (vergleichbar mit einem Ministerpräsidenten in Deutschland) schon entschieden, dass alle Geschäfte wieder in Betrieb gehen müssen. Der Bundestaat hat erst in der letzten Woche begonnen, Kontakt-Tracer einzustellen. Ich mache mir Sorgen um eine zweite Infektionswelle in Amerika. Deutschlands Reaktion gab mir Hoffnung. Die Reaktion in meinem Heimatland gibt mir keine.

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Impressionen zum Leben in Zeiten der Corona-Pandemie: Foto: tünews INTERNATIONAL; Mostafa Elyasian, 14.05.2020

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