Albanien: nach dem schweren Erdbeben jetzt Corona

Von Michael Seifert

Albanien hat als eines der ersten Länder in Europa schon Anfang März drastische Maßnahmen zur Bekämpfung des Corona-Virus ergriffen. Durch eine strenge Ausgangssperre wurde das öffentliche Leben völlig lahmgelegt: Zwischen 5 Uhr morgens und 13 Uhr am Nachmittag darf nur eine Person pro Haushalt für maximal eine Stunde das Haus verlassen, um wichtige Besorgungen zu erledigen. Dafür muss spätestens 24 Stunden vorher eine polizeiliche Genehmigung per SMS eingeholt werden. An Wochenenden gilt ein generelles Ausgangsverbot von Samstagnachmittag bis Montag früh. RentnerInnen dürfen das Haus überhaupt nicht verlassen. Der gesamte öffentliche Nahverkehr ist eingestellt, private Autos dürfen nur noch für die Fahrt zur Arbeit benutzt werden. Die Kontrollen der Behörden sind sehr umfangreich: Straßen und Plätze werden von Polizei und gepanzerten Armee-Einheiten überwacht, sogar Drohnen werden zur Überwachung eingesetzt. Getragen sind diese rigiden Maßnahmen von der Angst, dass Albaniens schwaches Gesundheitssystem einem massiven Ausbruch des Virus niemals standhalten würde. Die Bekämpfung des Virus ist von Ministerpräsident Edi Rama zur „Chefsache“ erklärt worden. Der charismatische sozialistische Politiker regiert seit 2013, ist 2,03 Meter groß, ehemaliger Basketball-Nationalspieler und Künstler (in Deutschland waren kürzlich zwei Ausstellungen mit seinen Werken zu sehen). Er ist auch gerne bei Angela Merkel zu Gast, die in Albanien regelrecht verehrt wird. Seine Maßnahmen kommuniziert er der Bevölkerung auf originelle Weise, nicht nur durch Videos auf seinem Facebook-Auftritt, sondern per SMS an alle User des wichtigsten Mobilfunkproviders. Und manchmal ist auch seine Stimme plötzlich zu hören, wenn Menschen gerade jemand anrufen wollen: „Hi, hier ist Edi. Wasch deine Hände! Bleib zu Hause! Zusammen schaffen wir das! Ich umarme dich aus der Ferne!“ So berichtete eine Frau der deutschen Tageszeitung „taz“, und ich habe es auch von privaten Kontakten in Albanien gehört.

Die offiziellen Zahlen geben der Regierung für die harten Maßnahmen scheinbar recht: Es gibt am 30. April nur 773 Infizierte, davon sind 385 bereits genesen. 31 Patienten sind verstorben. Allerdings fanden auch nur 8253 Tests statt – bei knapp 3 Millionen Einwohnern. Viele zweifeln die Zahlen an, zahlreiche Todesfälle in privaten Haushalten würden gar nicht erfasst, sagen Beobachter. In den Medien kursiert eine auch von einigen Medizinern vertretene Idee, wonach die Corona-Pandemie in den postkommunistischen Ländern schwächer verlaufe, weil dort die Bevölkerung gegen Tuberkulose geimpft worden war.

Die Maßnahmen werden alle zwei Wochen überprüft, und es gibt jetzt erste Lockerungen. So wurde die Einkaufszeit auf zwei Stunden erhöht und auch der Nachmittag einbezogen. Mit triftigem Grund kann man die Erlaubnis beantragen, das eigene Wohnviertel zu verlassen. Senioren dürfen samstags von 9 bis 11 Uhr das Haus verlassen, Kinder bis 14 Jahre in Begleitung ihrer Mutter an Sonntagen (Väter oder männliche Verwandte sind nicht zulässig). Die Strafen bei Ausgehverstößen waren so hoch angesetzt, dass sie bei einem Durchschnittseinkommen von etwa 300 Euro monatlich gar nicht zu bezahlen waren, mittlerweile gibt es eine Amnestie. Und die Polizei wirft bei Kindern und Jugendlichen die Sirenen an und drückt schon mal ein Auge zu …

In Albanien gibt es über 600 000 Schülerinnen und Schüler, die seit fast zwei Monaten keinen regulären Unterricht mehr besuchen können. Der Unterricht wird online sowie durch einen öffentlich-rechtlichen TV-Sender realisiert – freilich nicht für Familien, die keinen Internetanschluss haben. Nach Angaben des Schulministeriums hatten an die 10 000 Schülerinnen und Schüler in der Zeit der Pandemie keinen Kontakt mit ihren Lehrkräften. Ende August soll der Schulbetrieb wieder losgehen, für Abschlussklassen schon im Juni.

Wegen des schweren Erdbebens am 26. November 2019 von der Stärke 5,4 mit zahlreichen auch schweren Nachbeben über Wochen fiel der Unterricht schon einmal für sechs Wochen aus. Über 60 Menschen wurden damals getötet, etwa 10 000 wurden obdachlos. Die Corona-Krise ist die zweite Katastrophe, die über Albanien innerhalb kurzer Zeit hereinbricht. Die EU sagte für den Wiederaufbau 1,5 Milliarden Euro zu, an diese Baumaßnahmen ist freilich derzeit nicht zu denken. Tröstlich für die Albaner ist dennoch, dass mitten in der Corona-Krise nach langem Hin und Her die Zusage für EU-Beitrittsverhandlungen kam.

Albanien war bis 1991 fast 40 Jahre unter kommunistischer Gewaltherrschaft vom restlichen Europa isoliert und ist bis jetzt ein weitgehend unbekanntes Territorium geblieben. In den letzten Jahren hat sich langsam der Tourismus entwickelt und auch eine ganze Reihe von deutschen Reiseveranstaltern bot Reisen nach Albanien an. Diese für das Land positive Entwicklung ist erstmal zu Ende.

Die ARD Südosteuropa-Redaktion mit Sitz in Wien berichtet regelmäßig über Albanien, im Moment durch zweiwöchentliche Lageberichte auch online. Ebenso berichten die österreichische Tageszeitung „Der Standard“ und die „taz“ immer wieder über den Balkan und Albanien. Auf diese Berichte und eigene Kontakte stützt sich diese Momentaufnahme der Corona-Krise in Albanien. Eine Freundin sagte mir via Skype: „Positive Aspekte hat die Situation auch: wir haben endlich eine gute Luft und keinen Smog mehr in der Hauptstadt Tirana und das Müllproblem stellt sich kaum noch.“

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Foto: Der Skanderbeg-Platz, zentraler Platz von Albaniens Hauptstadt Tirana, Anfang Januar 2020. Heute ist der Platz leergefegt, wir man auf Internet-Videos sehen kann, tünews INTERNATIONAL; Michael Seifert

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