„Ich konnte ihre Angst gut verstehen“ Ich wünsche euch, dass ihr so etwas nie erlebt

Überleben

„Ich konnte ihre Angst gut verstehen“

Von Ute Kaiser

 

„Ich wünsche euch, dass ihr so etwas nie erlebt“, sagte Feras. 16 ViertklässlerInnen der Pfrondorfer Grundschule guckten betroffen. Feras, Oula sowie ihre Töchter Roula und Sara vom tünews-Team erzählten den Kindern im Dezember knapp zwei Stunden lang von ihrer Heimat Syrien und der Flucht. Die 4a hatte sich dieses Thema für ein Zeitungsprojekt ausgesucht (siehe Info). Bilder aus dem Internet und Privatfotos zeigten den Kindern, wie schön die syrischen Herkunftsstädte vor dem Krieg aussahen.

„Warum seid ihr geflohen?“, wollte Moderatorin Natalie Hekmat wissen. Als 2011 der Krieg in Syrien begann, war die heute 17-jährige Roula noch ein Kind. Sie verstand nichts von Politik, begriff aber, dass ihre Heimatstadt Damaskus nicht mehr sicher war: „Raketen, Explosionen, zerstörte Schulen.“ Roulas Eltern beschlossen, mit ihren fünf Kindern zu fliehen – in ein Land, in dem sie in Frieden leben können.

Feras, heute 31 Jahre alt, studierte in der syrischen Hafenstadt Latakia. Nach dem Abschluss hätte er zum Militär gemusst. Doch: „Ich wollte niemand töten und nicht getötet werden.“ Deshalb floh er. Seine Eltern und Geschwister harrten zunächst aus.

Oulas Familie sind kaum Erinnerungsstücke geblieben. Ein Kinderkleid von Sara, Roulas Tagebuch, 10 syrische Lira, eine Wärmefolie und die Schlüssel ihrer Wohnung, die längst zerbombt ist, passen in eine kleine Kiste. Sara nennt sie Schatztruhe.

In der Türkei hatte Feras vergeblich versucht, sich ein neues Leben aufzubauen. Da er „nichts zu verlieren“ hatte, entschloss er sich zu gehen. Die Flucht führte von Izmir übers Meer nach Griechenland, dann zu Fuß über den Balkan nach Deutschland. Seine Reisetasche ging unterwegs verloren. Bei der Ankunft in Deutschland waren die Klamotten, die er trug, „ganz kaputt“.

 

Ich wollte niemand töten und nicht getötet werden.

 

Die Flucht von Oulas Familie über Ägypten, Libyen und das Mittelmeer nach Italien war hart. Bewaffnete Fluchthelfer drohten, alle zu erschießen, die ihre Befehle nicht befolgten. Das Schlimmste aber war für Oula, dass sie von zwei Töchtern getrennt auf einem Boot mit mehr als 350 Geflüchteten festsaß. 14 Stunden litt die Mutter. So lang dauerte die Überfahrt.

„Gottseidank war ich allein unterwegs“, sagte Feras. Denn: Schleuser quälten Familien noch mehr. Auch sein Weg war gefährlich. An einer Stelle mussten er und andere einen Bach überqueren. Äste trugen zu wenig Gewicht. Deshalb warfen sich Männer die Kinder von einem Ufer zum anderen zu. Die ViertklässlerInnen waren sprachlos.

Nach der Ankunft in Deutschland hatte Feras „gemischte Gefühle“. Er genoss die Sicherheit, sorgte sich aber auch um seine berufliche Zukunft. Für Oula war nach der Flucht am wichtigsten, „dass ich endlich wieder genug Essen für meine Kinder hatte“ und die Familie nicht mehr gefährdet war. Dafür nahm sie das beengte Leben in der Notaufnahme – einer Sporthalle – hin. Während Roula „die ersten Monate mit Albträumen verbrachte“, freute sich Sara: „Ich konnte in den Kindergarten gehen und spielen.“ Wie gut sie nach nur wenigen Monaten Deutsch gelernt hatte, zeigte ein Video.

Die Moderatorin bat die 4a um ein Feedback. „Ich fand es traurig, dass Flüchtlinge so schlimme Sachen erleben mussten“, schrieb ein Kind. Ein anderes empfand das Gespräch als „sehr toll“: „Ich konnte ihre Angst gut verstehen.“ Voller Mitgefühl war auch diese Antwort: „Traurig, entsetzt, unangenehm, denn ich hatte es mein ganzes Leben so gut.“

 

 

Info:

Schulklassen machen Zeitung

Beim Projekt „Zeitung in der Schule“ lernen Kinder und Jugendliche Medien und den Umgang mit ihnen kennen. Dazu gehört nicht nur das Zeitunglesen. Die am Projekt beteiligten Klassen wie die 4a der Grundschule Pfrondorf mit ihrer Lehrerin Isabell Holder und dem FSJler Nino Ruckwied sammeln selbst Informationen und schreiben einen Artikel. Ihr Text über das Gespräch mit Mitgliedern der tünews-Redaktion soll Mitte Februar in einer Sonderbeilage des Schwäbischen Tagblatts erscheinen.

 

 

 

 

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