Stimmungswechsel

Tübingen

Stimmungswechsel

von Sameer Ibrahim

 

Im Jahr 2015 öffnete Deutschland, das wirtschaftlich stärkste Land Europas, wohlwollend seine Türen für die vor Krieg und Elend Flüchtenden, sodass Hunderttausende Geflüchtete ins Land kamen. Die Universitätsstadt Tübingen nahm, wie andere Städte auch, mehr als tausend Geflüchtete auf und das bei einer Einwohnerzahl von etwa 90.000. Der Großteil der Geflüchteten wurde in Sporthallen und Aufnahmezentren untergebracht sowie eine kleine Zahl in Wohnhäusern. Wegen des großen Andranges und des geringen Platzes in den Aufnahmezentren waren die Geflüchteten zunächst sehr dicht im Stadtzentrum konzentriert. Zu jener Zeit hörte man meist Arabisch und Persisch an den belebten Orten der Stadt. Von den Deutschen aber hatten wir nur einige wenige abgehackte Wörter gehört, die nicht sehr wichtig waren. Wir merkten sie uns trotzdem, weil wir sie so oft gehört hatten: „Alles klar“, „Gut“ und „Scheiße“.

Die Sprachschulen, die Deutsch unterrichteten, füllten sich mit Geflüchteten, nachdem das BAMF den Teilnahmeberechtigten seine Zustimmung für Deutschkurse gegeben hatte. Auch dutzende Studenten der Universität erklärten sich bereit, den Geflüchteten zu helfen und die Schwierigkeiten zu überwinden, mit denen sie in der Schule konfrontiert waren.

Eine wichtige Rolle spielten auch die örtlichen Kirchengemeinden, beispielsweise in der Hilfe beim Ausfüllen von Formularen und der Begleitung von Geflüchteten im Krankenhaus bei Notfällen. Natürlich darf man das Asylzentrum und die Caritas nicht vergessen, besonders den Verdienst durch ihre vorbildliche Hilfestellung bei der Familienzusammenführung, Problemen mit der Aufenthaltserlaubnis und anderem.

Nachdem nun drei Jahre vorübergegangen sind, hat sich die Situation durch die schnellen Anstrengungen der Einwohner der Stadt und der zuständigen Behörden bis zum heutigen Tag sehr verändert. So wurden inzwischen die vorläufigen Aufnahmezentren geschlossen, mit einer Ausnahme in der Nähe des Landratsamtes. Die Geflüchteten haben inzwischen zu einem Leben in privaten oder Sozialwohnungen in der Stadt und ihrer Umgebung gefunden. Die Tage ohne Privatsphäre sind also zu Ende und auch die deutsche Sprache ist zur Sprache des Alltags geworden, mit der man sich mit Deutschen und Nichtdeutschen unterhält. Ein Teil der Geflüchteten hat den Weg in den Arbeitsmarkt oder Studienplätze an der Universität gefunden, andere sehen sich beim Erlernen der Sprache immer noch mit Schwierigkeiten konfrontiert.

Auch wenn manche Geflüchtete durch unangebrachtes Verhalten oder durch Straftaten mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind, gab es keine größeren Protestaktionen oder übermaßig negative Reaktionen in der Stadt. Diese Geschehnisse wurden meistens nicht größer gemacht, als sie waren, und die Fakten weit weniger verdreht, als andernorts. Das hatte einen positiven Einfluss auf die Geflüchteten, die in Frieden leben wollen, an einem Ort, an dem man keine Bomben befürchten muss und keine Schreie von Kindern hört.

Wenn man sich sicher fühlen kann, keine wirtschaftliche Not leidet und von seinem Gegenüber akzeptiert wird, dann kommt das Zugehörigkeitsgefühl zu Land und Gesellschaft ganz von selbst.

Ich habe inzwischen einige Geflüchtete in Cafés und öffentlichen Parks gesehen, die das deutsche Team bei der letzten Fußball-Weltmeisterschaft angefeuert haben. Dies ist ein essentieller Schritt auf dem Weg zur Integration und einer friedlichen Gemeinschaft.

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